die Zwanziger…

Ich kann nur eins sagen, ich bin froh, sobald die Zwanziger vorbei sind und die Dreißiger für mich beginnen. Die meisten werden mich für verrückt erklären und können dies wohl so gar nicht verstehen denn eigentlich graut es ja immer die Damenwelt vor den Dreißigern oder zumindest vor dem Moment sobald die große dreißig an der Tür klopft. Ich sehe dies nicht so, ich sehe es ganz anders denn wenn ich zurück blicke auf die vergangenen Jahre, dann habe ich ein Gefühl von Erschöpfung.

Anfang zwanzig ist man noch blutjung und schaut sehr hoffnungsvoll in die Zukunft. Mit Anfang zwanzig ist man meistens noch Single, träumt von einem Traummann, einer Traumfamilie und natürlich auch von einer Traumkarriere. Genau in diesem Alter hat man auch das Gefühl diese Wünsche sind zum Greifen nahe und man braucht nicht mehr lang um die Wünsche oder auch Ziele erreicht zu haben. Ja und leider sieht die Realität immer anders aus. Die Karriere lässt eigentlich ziemlich lang auf sich warten und jeder definiert das Wort Karriere anders. Nicht für jeden bedeutet es das Gleiche und doch wollen wir es irgendwie alle. Der Traummann lässt genauso auf sich warten oder er lässt einem im Regen stehen und nimmt jede Vorstellungen des gemeinsamen Glückes. Darauf folgt natürlich die nicht vorhandene Familie.

Was darauf folgt sind unendlich viele und lange Gedankengänge. Immer wieder die gleichen Fragen huschen durch den eigenen Kopf. Man fragt sich was man falsch macht, man fragt sich was man anders machen soll und man fragt sich warum ausgerechnet man selbst diejenige ist, die gewisse Dinge nicht auf die Reihe bekommt. Man denkt also sehr viel nach in den Zwanzigern!

Man denkt nicht nur nach, man reift auch und wird erwachsen. Man lernt mit jenen Fragen umzugehen und lernt nach und nach, dass alles Gute eben nicht beisammen ist. Irgendwann lernt man dann doch einen sehr netten Typen kennen und man verliert sich vollkommen in ihm. Die erste Verliebtheit lässt jeden die Realität nicht ganz richtig wahrnehmen und man schwebt schließlich auf Wolke sieben. Die Karriere lässt in der Zwischenzeit immer noch auf sich warten denn eigentlich ist man ja auch noch viel zu jung um als Karrierefrau wahrgenommen und respektiert zu werden. Die erste Erkenntnis kommt also. Die Erkenntnis, dass man eigentlich ja noch so viel Zeit für die Karriere hat und sich nicht beeilen muss.

Die Beziehung in der mittlerweile gemeinsamen Wohnung reift so vor sich hin und mit jedem Jahr wird man reifer und denkt noch mehr nach. Was will ich vom Leben, wo will ich ankommen und wo will ich überhaupt hin? Die Gedanken und Fragen im eigenen Kopf werden immer lauter und diese bewirken eine gewisse Erschöpfung. Man hat einfach irgendwann keine Lust mehr nachdenken zu müssen und will einfach Leben und das Leben vor allem genießen können.

Es folgt die erste Zeit des Loslassens und des einfach-machens. Daraus entsteht in manchen Fällen ein gemeinsames Kind. Man hat die Entscheidung gemeinsam mit dem geliebten Partner besprochen und der Gedanke „wenn nicht jetzt wann dann“ ist eigentlich nur im eigenen Kopf so richtig zu hören. Man begreift, dass das Leben viel zu kurz ist um immer nur nachzudenken. Man begreift, dass man nicht nach anderen Menschen schauen sollte und das man vor allem glücklich sein sollte. Aus einer glücklichen Beziehung wird eben doch eine kleine Familie und dennoch denkt man immer noch viel zu viel nach. Hat man sich richtig entschieden? Hat man alles richtig gemacht und wie macht man es als junge Mutter jeden recht?

Die ersten Jahre mit dem ersten Kind folgen und diese haben es in sich. Es ist anstrengend denn es ist aufregend und nervenaufreibend zugleich. Der richtige Hammer kommt aber erst sobald man als Mutter wieder arbeiten geht. Ehe man sich versieht, befindet man sich mitten in einem Hamsterrad und hat kaum noch Zeit für sich selbst. Man arbeitet bis man nicht mehr kann und hat den einen oder anderen Nervenzusammenbruch. Inmitten dieses Nervenzusammenbruchs stellt man fest, dass man sich so die eigene Zukunft nicht vorgestellt hat und fragt sich wiederum was man falsch gemacht hat. Oder hat man doch genau dies gewollt und sich so sehr gewünscht? Man kommt durcheinander vor lauter Verunsicherung! Die Gedanken werden wieder lauter und immer wenn man sich 10 Minuten auf dem Balkon ganz für sich allein gönnt, denkt man wiederum nach. 10 Minuten sind nicht lang also kommt man auf keine Erkenntnis und macht einfach so weiter wie bisher.

Die Karriere steht immer noch nicht vor der Tür, was einem bleibt ist eine wunderschöne Beziehung mit einem wunderschönen Kind und einem tollen Mann und man liebt beide aus tiefem Herzen. Was auch bleibt ist das Hamsterrad in dem man sich immer noch befindet und es so langsam hasst. Irgendwann denkt man nur noch über das Hamsterrad nach. Weniger arbeiten, mehr Familie, was macht mich eigentlich glücklich und nimmt mir den Zustand der Erschöpfung? Mehr arbeiten, weniger Kind? Man weiß es nicht so recht.

Irgendwann hat man einfach keine Kraft und Lust mehr sich über alle möglichen Dinge seine Gedanken zu machen und fängt an noch mehr loszulassen. Loslassen heißt in diesem Fall zu lernen, dass man das Leben nehmen sollte wie es kommt und das ist die größte Lektion der Zwanziger. Von einem kleinen Mädchen welches immer von Größe 36, einem Traummann, einer Karriere und der perfekten Familie geträumt hat aber dabei nie die Erschöpfung auf dem Plan hatte, bis hin zu einer Frau die sich selbst liebt so wie sie ist und mittlerweile auf Meinungen von anderen Menschen nichts mehr gibt, ist es ein verdammt langer und schwerer Weg. Genau dieser Weg ist anstrengend und kostet dich die volle Energie der Zwanziger. Vielleicht ist dies sogar so vorgegeben und genau der Sinn der Zwanziger denn sonst würden wir mit dreißig nur halb so erwachsen sein.

Ende der Zwanziger begreift man, dass man erwachsen geworden ist und keine Lust mehr auf das Hamsterrad hat. Man beschließt der Karriere nicht mehr hinterher zu laufen, denn man hat gesehen wie viel nur allein in den Zwanzigern passieren kann und lächelt, denn man weiß genau dass die nächsten fast 40 Jahre im Berufsleben genug Zeit sind um Karriere zu machen. Man lässt an dieser Stelle etwas locker und kann allmählich wieder mehr atmen. Ende der Zwanziger lernt man auch sich selbst zu lieben. Man lernt seinen Körper zu lieben und richtig mit ihm umzugehen. Man wird selbstbewusster! Sobald auch diese Erkenntnis gekommen ist will man eigentlich nur noch eins. Man will wieder zu sich selbst finden und nicht mehr einem Idealbild hinterher rennen müssen. Man will sich, seine Familie und alles was dazu gehört genau so nehmen wie es ist und man will vor allem noch eine Flasche mehr des guten Weins. Man schätzt die Abende mit der Freundin wieder mehr denn was hat man schon zu verlieren oder zu verpassen. Die Wahrheit ist, man verpasst nichts und deshalb sollte man einmal mehr die Seele einfach baumeln lassen können. Aufhören über alle möglichen Dinge nachzudenken ist wohl der wichtigste Teil der Selbstfindungsphase. Einfach aufhören über alles nachzudenken und sich zu fragen was eigentlich gerade im Moment genau anders sein müsste damit man glücklicher ist. Man kann nicht glücklicher werden denn man ist eigentlich schon glücklich genug, man kann es nur nicht so richtig erkennen. Man sollte einfach aufhören mit dem Selbst-Optimieren und die hässliche Vase auf dem Regal endlich akzeptieren egal wie lange da schon steht.

Die Zwanziger sind anstrengend und genau deswegen freue ich mich auf die Dreißiger. Mit dreißig ist man erwachsen, wird ernst genommen und als Frau gesehen. Man ist dann nicht mehr das junge Naivchen das sich alle Fragen mit einem Vielleicht beantwortet. Man ist dann eben durch die Selbstfindungphase durch und lernt das Leben und sich selbst mit anderen Augen zu sehen. Mit Humor und einer guten Portion Abgebrühtheit lässt sich das Leben sowieso viel leichter eben oder?

Erst letztens saß ich mit einer guten Freundin zusammen. Es war ein Montag und wir hatten beide frei. Aus einem Kaffee zwischendurch sind knapp 7 Stunden einfach nur herumsitzen, Kaffee trinken, Pizza essen und gemeinsames Lachen geworden und genau diese Gelassenheit möchte ich mit in die Dreißiger nehmen. Keine Zeit mehr für Gedanken auf die man sowie keine Antwort hat. Fakten auf den Tisch und diese bitte ungeschönt! Einig waren wir uns über das Ende der Zwanziger und den Anfang des neuen Lebensjahrzehnts. Es darf kommen, denn wir beide freuen uns darauf und haben mit der Selbstfindungsphase eigentlich schon jetzt abgeschlossen. Wir waren einer Meinung, dass die Zwanziger verdammt anstrengend sind und deshalb nicht die schönsten Jahre waren. Die schönsten Jahre werden noch kommen und die Erfüllung mancher Wünsche sicher auch…. Ein wenig Zeit habe ich noch bis die große dreißig an meiner Tür klopft aber was ist schon Zeit… Ich werde sie auf jeden Fall nett begrüßen und auf ein Glas Wein rein bitten….

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